Reinhard Mey veröffentlicht sein 28. Studioalbum “Das Haus an der Ampel”

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Reinhard Mey veröffentlicht sein 28. Studioalbum “Das Haus an der Ampel”


 
 

 
Es gibt sicher nicht allzu viele Musiker in diesem Land, die man als lebende Legende bezeichnen kann und darf. Er, Reinhard Friedrich Michael Mey, geboren am 21. Dezember 1942 in Berlin ist so einer, obwohl er, das sicher nicht so gerne hört als eine solche bezeichnet zu werden.

Seit Ende der 1960er Jahre ist er einer der populärsten Vertreter der deutschen Liedermacher-Szene. Dabei sieht es am Anfang seiner Karriere nicht gerade so aus als würde er jemals erfolgreich auf Bühnen stehen oder gar Hallen füllen. „Anfangs“, so der Spiegel, „schien es freilich, als würde die Karriere des Liedermachers im kommerziellen Abseits enden.“ So tingelte er mit seinen Liedern mehr schlecht als recht durch wüste Studenten-Clubs, düstere verqualmte Keller-Kneipen und Turnhallen im Nirgendwo und das alles ohne den erhofften nennenswerten Erfolg Die deutsche „Show-Welt“ nahm damals kaum Notiz von ihm oder spottete bestenfalls: „Der Mey ist ein Spinner.“ Aber durch gelegentliche Funk- und Fernseh-Auftritte gelang es ihm schließlich seine Bekanntheit doch irgendwie zu erweitern. Und dann 1971 gelingt ihm schließlich mit der LP „Reinhard Mey live“ und mit dem mittlerweile zum Klassiker gewordenen Lied „Der Mörder ist immer der Gärtner“ der Durchbruch.

👉 https://www.youtube.com/watch?v=i5YwXDjrAK4

Und heute rund 50 Jahre später ist er immer noch da.

Ein wenig ruhiger vielleicht, ein wenig nachdenklicher, geprägt durch das Leben, ausgestattet mit viel gelebter und erlebter Erfahrung und Lebensweisheit. So präsentiert er sein neues Album „Das Haus an der Ampel“ sparsam instrumentalisiert, dafür aber voll mit wunderbar gesungenen Bildern im Rückblick auf die Vergangenheit - besungen in dem Lied „In Wien“, in dem er sich auf die Anfänge seiner Karriere zurückbesinnt. Es sind die Erinnerungen an die Nervosität beim ersten Konzert und die Liebe zu dieser schönen Stadt, die ihn noch heute bewegt. „Das Haus an der Ampel“ ist dabei das Haus, in dem er aufwuchs, sein Elternhaus. Es ist der Ort der elterlichen Liebe, vielfältiger Erinnerungen und Gedanken, die er eindrucksvoll in dem Titelsong beschreibt. Dabei trägt uns Reinhard Mey auf „Das Haus an der Ampel“ seine ungewöhnlichen, satirischen, nachdenklichen und auch melancholischen Geschichten so vor, als wären sie unsere eigenen Lebenserfahrungen.

Aber Mey weiß wie kein anderer das Leben, die Menschen und gesellschaftliche Missstände mit poetischer Kunstfertigkeit in seinen gesungenen Geschichten zu reflektieren, so auch auf seinem 28. Studioalbum auf dem er auch viel Persönliches von sich preisgibt. Ein offenes Resümee seines Lebens zieht er dankbar in „Was will ich mehr“, einer aufrichtigen Ode an das Leben und die eigene Vergänglichkeit. Ein Bild des hoffnungsvollen Familienlebens malt das Lied „Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben“. Mit der ihm eigenen Poesie beschreibt er das Gefühl des Zusammenhalts und des Heimkommens im Leben und im Tod „wir werden einander wiederfinden und Freude wird da sein und Frieden und Trost“. Er gibt dieses wunderbare Gefühl der Geborgenheit weiter, genauso wie er es selbst im „Haus an der Ampel“ einst erlebt hat.

Völlig anders geartet ist dabei „Ich liebe es, unter Menschen zu sein“, das schräge heutige Alltäglichkeiten und unterschwellig Gesellschaftskritik in den Mittelpunkt stellt. Mey zeichnet mit ironischem Unterton ein zünftiges Bild davon wie dieses Land in diesen Zeiten tickt. Er seziert das gemeine Großstadtleben, besingt unflätigen Schülerspott, eine unfreiwillige Bierdusche von einem schwankenden Trunkenbold und die knüppelschwingende strunzdumme „Glatzen-Gefahr“. Doch die Rettung in Form von FC-Sankt-Pauli-Fans naht - vielleicht hätte die mies gelaunte Glatze, dann doch wohl besser ein Eis geleckt… Denn „Menschen, die Eis essen, können die Welt um sich herum vergessen“. Erkenntnistheoretisch ist für Reinhard Mey so ein Eisstand ein wahrhaft himmlischer Ort, denn beim Schlange stehen sind alle Menschen gleich. Natürlich darf auf „Das Haus an der Ampel“ auch ein Bonus-Duett mit Tochter Victoria-Luise nicht fehlen. Dieses Mal haben die Beiden sich den wundersam-geheimnisvollen Folk-Song um ein rotes Haarband „Scarlet Ribbons“ ausgesucht, den auch schon Künstler wie Jim Reeves und Harry Belafonte interpretiert haben.

Fazit: Es gibt nicht viele Künstler, die sich immer wieder neu erfunden haben und sich doch immer wieder unverkennbar selbst so treu geblieben sind wie Reinhard Mey. So hat er auch auf seinem Doppel-Album (auf CD 2 „Das Skizzenbuch“ sind alle Lieder noch einmal in „Unplugged“ – Version zu hören), das hohe Gut der Glaubwürdigkeit und Vertrauen, das seine Zuhörer bei ihm schätzen, bewahrt und lebt es zuhörenswert in seinen neuen meist recht ruhigen Liedern, verpackt in wunderbaren Texten aus.

So bleibt er der Erzähler der auch weiterhin mit offenen Augen, viel Gefühl, wachem Schöpfergeist und dem Gespür für das Besondere durch das Leben geht und uns davon berichtet. Dabei ist und bleibt er, der Sänger der Menschlichkeit, der Freundschaft und der Wahrheit, der steht’s unverbesserlich an das Gute glaubt und der auch gern einmal unbequem und unangepasst ist.

👉 https://www.youtube.com/watch?v=2YJw_cr7SXU

„Doch über allem steht immer die tröstliche Erkenntnis, dass die Liebe der einzig wahre Kompass ist, man muss nur mutig genug sein seiner Nadel zu folgen und seinen Weg zu gehen.“

Fotos freigegeben von Universal, Copyright Jim Rakete
Text: Stefan Peter (mit der Verneigung vor einem großen Künstler, Gastautor für Gabis-Schlager.Club, 15.06.2020

 

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